Die meisten Jazzpiano-Lektionen gehen von der Band aus: Der Bassist spielt die Grundtöne, also kann der Pianist sie weglassen. In einer Gruppe ist das genau richtig. Aber meistens übst du allein, zu Hause, und niemand hält das Fundament der Musik. Ohne Grundtöne schweben deine Akkorde in der Luft. Du brauchst eine linke Hand, die zwei Aufgaben gleichzeitig erledigt: den Basston spielen und sagen, was für ein Akkord es ist.
Diese linke Hand ist das Shell-Voicing. Es besteht aus drei Tönen, manchmal nur aus zwei, und so haben die Bebop-Pianisten der 1940er- und 50er-Jahre hinter ihren eigenen Linien der rechten Hand gespielt. Es ist auch der schnellste Weg, ein Leadsheet beim Solospiel nach Jazz klingen zu lassen.
Was ein Shell-Voicing ist
Ein Shell-Voicing besteht aus dem Grundton plus Terz und Septime des Akkords. Das sind die Töne, auf die es am meisten ankommt:
- Der Grundton sagt dir, wo du bist: Er ist der Basston.
- Die Terz sagt dir, ob Dur oder Moll.
- Die Septime sagt dir, welche Art von Septakkord: maj7, Dominantseptakkord oder m7.
Was fehlt? Die Quinte. In den meisten Akkorden trägt die Quinte kaum etwas zur Farbe bei, also lassen wir sie weg und halten die Hand leicht. Stell dir das Shell-Voicing wie den Rohbau eines Hauses vor: die tragenden Wände, bevor auch nur ein Möbelstück hineinkommt.
Form 1: Grundton, Terz, Septime
Spiel den Grundton mit dem kleinen Finger, die Terz mit dem Mittel- oder Ringfinger und die Septime mit dem Daumen. In C:
- Cmaj7: C, E, B
- C7: C, E, B♭
- Cm7: C, E♭, B♭
Von Akkord zu Akkord ändert sich nur ein Ton. Spiel sie und hör, wie sehr ein einzelner Ton die Stimmung verändert:
Cmaj7: C–E–B · C7: C–E–B♭ · Cm7: C–E♭–B♭
Form 2: Grundton, Septime, Terz
Jetzt legst du die Terz eine Oktave höher, über die Septime. Die Töne sind dieselben, aber die Hand spreizt sich weiter: unten der Grundton, in der Mitte die Septime und oben die Terz, eine Dezime über dem Grundton. In C:
- Cmaj7: C, B, E
- C7: C, B♭, E
- Cm7: C, B♭, E♭
Cmaj7: C–B–E · C7: C–B♭–E · Cm7: C–B♭–E♭
Form 2 klingt voller und offener, und der Grundton darf tiefer liegen, bis hinunter zum F2.
- Lass die Terz weg: Spiel nur Grundton und Septime. Warum die Terz und nicht den Grundton? Wenn du allein spielst, ist der Grundton deine Basslinie: Ohne ihn verliert die Harmonik ihren Boden. Auf die Terz kannst du leichter verzichten, weil die rechte Hand sie in der Melodie oder in der Linie ergänzen kann. Shells aus zwei Tönen wie diese sind im Jazz völlig normal. (Mit Bassist ist es umgekehrt: Der Bass spielt den Grundton, also lässt du den Grundton weg und behältst Terz und Septime.)
- Verteil den Akkord auf beide Hände: Die linke Hand spielt nur den Grundton, tief, wie ein Bassist, und die rechte Hand spielt Terz und Septime um das mittlere C. Das nimmst du beim Comping, wenn keine Melodie zu spielen ist: Die rechte Hand ist frei, also lass sie den Akkord halten.
Dm7: D + F–C · G7: G + F–B · Cmaj7: C + E–B
Die Formen verbinden: die ii–V–I
Genau deshalb gibt es zwei Formen. Wenn du jeden Akkord in derselben Form spielst, springt die Hand über die Tastatur. Wenn du sie abwechselst, bewegen sich die oberen Töne kaum.
Nimm die ii–V–I in C: Dm7, G7, Cmaj7. Spiel Dm7 in Form 1 (D, F, C), G7 in Form 2 (G, F, B) und Cmaj7 wieder in Form 1 (C, E, B). Achte auf die oberen Töne: Das F bleibt liegen, das C rutscht hinunter zum B, dann rutscht das F hinunter zum E. Nur der Grundton wandert wirklich, so wie eine Basslinie.
Dm7: D–F–C · G7: G–F–B · Cmaj7: C–E–B
Wenn die Dezime in G7 für deine Hand zu weit ist, spiel nur G und F, oder verteil den Akkord: G in der linken Hand, F und B in der rechten.
Drück auf Alle 12 Tonarten, und das Beispiel wandert durch den Quartenzirkel durch jede Tonart. Spiel langsam mit. Diese eine Übung bringt mehr als jede Akkordliste, die du auswendig lernen könntest.
Du kannst auch mit Form 2 anfangen. Dann nimmt G7 Form 1 und Cmaj7 wieder Form 2. Diese Version nimmst du, wenn der ii-Akkord sonst zu hoch liegen würde:
Dm7: D–C–F · G7: G–B–F · Cmaj7: C–B–E
Shells unter einer Melodie
Jetzt bekommt die rechte Hand etwas zu tun. Halte jedes Shell-Voicing einen ganzen Takt lang und spiel darüber eine Melodie. Die Shells füllen das tiefe und das mittlere Register; die Melodie liegt darüber, klar und singend.
Mit einer Melodie in der rechten Hand kannst du den Akkord nicht verteilen, also halte jedes Shell-Voicing in Reichweite der linken Hand. Hier besteht G7 nur aus G und F, Grundton und Septime: Den Rest liefert die Melodie.
Dm7: D–F–C · G7: G–F · Cmaj7: C–E–B
Das ist schon ein vollständiger Solo-Piano-Satz. Probier es mit dem ersten Leadsheet, das du kennst: Shells in der linken Hand, die Melodie in der rechten. Es wird mehr nach Jazz klingen als volle Akkorde in beiden Händen.
Die linke Hand im Bebop
Hör dir Bud Powell an, den Pianisten, der die Linien von Charlie Parker ans Klavier gebracht hat. Seine linke Hand spielt sehr wenig: kurze Shells, oft nur zwei Töne (Grundton und Septime oder Grundton und Terz), rhythmisch gesetzt. Das Reden übernimmt die rechte Hand. Hier ist eine Linie in seinem Stil aus unserer eigenen Phrasen-Bibliothek, mit kurzen Shells aus zwei Tönen im Charleston-Rhythmus: auf der Eins und auf der „Und“ von 2. Dm7 ist D und C, G7 ist G und B, Cmaj7 ist C und B: ganz ohne Spreizen.
Achte darauf, wie kurz die Akkorde der linken Hand sind. Sie geben der Linie einen Schub und gehen dann aus dem Weg. Gehaltene Shells würden in diesem Tempo schwerfällig klingen.
Ein 12-taktiger Blues in Shells
Im Blues werden Shells am schnellsten zur Gewohnheit. In F gibt es nur drei Akkorde: F7, B♭7 und C7. Spiel F7 in Form 1 (F, A, E♭), B♭7 in Form 2 (B♭, A♭, D) und C7 in Form 2 (C, B♭, E). Deine Hand bleibt an einer Stelle, und die oberen Töne bewegen sich in Halbtönen. Wenn B♭7 und C7 zu weit sind, spiel nur Grundton und Septime (B♭–A♭, C–B♭), oder begleite den Blues mit verteilten Akkorden, den Grundton in der linken Hand, Terz und Septime in der rechten:
F7: F–A–E♭ · B♭7: B♭–A♭–D · F7: F–A–E♭ · B♭7: B♭–A♭–D · F7: F–A–E♭ · C7: C–B♭–E · B♭7: B♭–A♭–D · F7: F–A–E♭ · C7: C–B♭–E
Wenn sich das leicht anfühlt, spiel die Bluesmelodien, die du kennst, darüber, oder improvisiere mit der Bluestonleiter in der rechten Hand.

Shells oder Guide Tones?
Wenn du mit Bassist spielst, lass den Grundton weg. Der Bass spielt ihn schon, und zwei Grundtöne im selben Register kommen sich in die Quere. Übrig bleiben Terz und Septime, die Guide Tones: das Shell-Voicing ohne seinen Grundton. Meine Lektion Comping mit zwei Tönen zeigt diese Version. Der Plan ist also einfach: Shells, wenn du allein bist, Guide Tones, wenn ein Bassist dabei ist.
So übst du Shells
- Ein Akkordtyp durch alle 12 Tonarten: alle maj7-Shells in Form 1, dann alle Dominantseptakkorde, dann alle Mollseptakkorde. Sag den Akkordnamen laut, während du spielst.
- Die ii–V–I durch den Quartenzirkel, Form 1–2–1, dann 2–1–2. Langsam, ohne zwischen den Tonarten anzuhalten.
- Der Blick weg von der Hand. Sobald dir eine Form vertraut ist, schau auf das Akkordsymbol, nicht auf deine Finger. Genau das machst du später mit einem Leadsheet.
- Ein Stück pro Woche. Nimm einen Standard, den du kennst, und spiel ihn nur mit Shells und Melodie. Sonst nichts.
- Rhythmus dazunehmen. Wenn sich das Halten der Shells leicht anfühlt, spiel sie kurz im Charleston-Rhythmus, wie im Bebop-Beispiel.
Fehler, die ich am häufigsten höre
- Zu tief. Form 1 mit dem Grundton unten auf C2 ist ein dunkles Grollen, kein Akkord. Halte die Terz über B♭2.
- Immer dieselbe Form. Die Hand springt, und die Stimmführung verschwindet. Wechsle ab.
- Die Quinte wieder dazunehmen, „damit es voller klingt“. Es klingt dadurch nur dicker. Farbtöne kann später die rechte Hand ergänzen.
- Eine Spannweite erzwingen. Wenn eine Dezime wehtut, spiel sie nicht. Lass die Terz weg oder verteil den Akkord auf beide Hände; die Musik leidet nicht darunter.
- Alles ewig halten. Shells dürfen atmen. Lass sie vor dem nächsten Akkord los, oder spiel sie kurz.
- Grundtöne spielen, obwohl ein Bassist dabei ist. In der Band wechselst du zu Guide Tones.
Was Schüler oft fragen
Sind Shells nur etwas für Anfänger?
Nein. Viele große Pianisten benutzen sie ihr Leben lang, besonders in schnellen Tempi und hinter schnellen Linien der rechten Hand. Sie sind einfach und klar, und sie stehen nie im Weg.
Und Akkorde mit Tensions (Optionstönen), etwa mit der 9 oder der 13?
Spiel das Shell-Voicing in der linken Hand und leg die Tension in die rechte Hand, obendrauf. Ein G13 kann ein G7-Shell-Voicing plus E in der rechten Hand sein. Wenn du die Tensions in der linken Hand haben willst, mach weiter mit den vierstimmigen grundtonlosen Voicings.
Meine Hand ist klein. Kann ich Form 2 trotzdem spielen?
Ja. Spiel nur Grundton und Septime, oder verteil den Akkord: den Grundton in der linken Hand, Terz und Septime in der rechten. Beides ist im Jazz völlig normal.
Hörempfehlungen
Bebop-Pianisten und ihre linke Hand. Hör unter die Linien der rechten Hand: kurze Shells, oft nur zwei Töne, rhythmisch gesetzt.
- “Un Poco Loco”, Bud Powell · The Amazing Bud Powell (1951)
- “Bouncing with Bud”, Bud Powell · The Amazing Bud Powell (1949): mit Fats Navarro und Sonny Rollins
- “Tempus Fugue-It”, Bud Powell · Jazz Giant (1949)
- “Celia”, Bud Powell · Jazz Giant (1949)
- “Blues the Most”, Hampton Hawes · Hampton Hawes Trio (1955)
- “Cool Struttin’”, Sonny Clark · Cool Struttin’ (1958)
- “Relaxin’ at Camarillo”, Tommy Flanagan · Overseas (1957)
- “Mr. P.C.”, John Coltrane · Giant Steps (1959): Tommy Flanagan, Klavier
- “Sandu”, Clifford Brown and Max Roach · Study in Brown (1955): Richie Powell, Klavier
- “Walkin’”, Miles Davis · Walkin’ (1954): Horace Silver, Klavier